röntgenBLICK #14

Passion oder Pressure? 

Von Menschenbildern und Führungsstilen 

 

Durch meinen Beruf komme ich derzeit mit sehr vielen, sehr unterschiedlichen Unternehmenskulturen und (Führungs)Persönlichkeiten zusammen. Ich begegne einem Potpourri an Einstellungen, gelernten Handlungsmustern, inneren Glaubenssätzen… und Führungstilen

Am beeindruckendsten für mich war in diesem Zusammenhang ein Gespräch oder vielmehr eine Gruppendiskussion mit der Gründerin der Aktiven Schule Köln, Corinna Thierhoff. Die Aktive Schule ist eine staatlich anerkannte Schule von Klasse 1 bis 10. Das Besondere an ihr ist das Vertrauen in den Lernwillen der Kinder. Es ist so groß, dass es keine Hausaufgaben und keine Noten gibt. Kein Zwang, irgendwelche Fächer zu belegen oder Unterrichtsstunden zu besuchen. Wir stutzen, als wir das hören. Kann das funktionieren? Lernen die Kinder genug aus Eigeninitiative heraus? Die Gründerin erzählt, wie das Vertrauen der Eltern oftmals herausgefordert wird. Zum Beispiel wenn ein Kind in der Sekundarstufe noch nicht flüssig lesen kann. Oft gibt es dann aber einen Moment – vielleicht ist es der Liebesroman, den die ältere Schwester liest – der dann zu freiwilligem, intensivem Lernen des Kindes führt. 

Corinna erzählt ruhig und sachlich von ihren Erfahrungen. Sie ist in keiner Weise dogmatisch und erlaubt uns so, einmal eine andere Perspektive einzunehmen. Wir beginnen zu reflektieren, was wir (seit Jahrzehnten) glauben, was gut und richtig ist und wichtig für den späteren „Erfolg“ der Kinder. Unsicherheiten kommen hoch: wie sehen Menschen diese anders aufgewachsenen Kinder, die später einmal über deren Einstellung in einem Unternehmen entscheiden? Können die Abgänger der Aktiven Schule auch im Zentralabitur gute Leistungen bringen, wenn sie erst in der Sekundarstufe II auf Schüler „normaler“ Schulen treffen? Weiß ein Kind schon, was gut für es ist?

Das Entscheidende bei dieser alternativen Schulform ist, dass die Kinder von den Lehrern dazu eingeladen werden, es zum Beispiel doch mal mit Mathe zu versuchen. Man lässt sie nicht allein mit ihren Entscheidungen, man berät sie, versucht ihre Beweggründe zu verstehen und ggf. Zugänge über andere Wege zu finden. Und dennoch darf das Kind bestimmen, was es lernen möchte – und die Kinder tun dies auch. Phasenweise sind sie vielleicht viel draußen und spielen statt drinnen zu lernen, aber in anderen Phasen folgen sie Neugierde, Gruppendynamik und anderen Triggern, die sie zu einem Buch für ein Selbststudium oder in eine der verschiedenen (Unterrichts)Angebote führen.

Der zentrale Unterschied, der mich beeindruckt hat, ist das M e n s c h e n b i l d, über das sich die Gründerinnen der Aktiven Schule Gedanken gemacht haben. Sie glauben, dass Kinder nicht auf Basis von Druck und Disziplinierung lernen, sondern aus freien Stücken aufgrund eigener Interessen. Das Menschenbild, das da gezeichnet wird, ist also positiver, in den Menschen vertrauender. Weit weg – und zwar noch weiter weg als die „normale“ Schule von heute – von Taktstock, Frontalunterricht, Hausaufgabenkontrolle und anderen Reliquien der Schule, wie sie sie unsere Eltern und Großeltern noch erlebt haben.

Mir gefallen diese Gedanken, denn sie gehen einher mit den Leitbildern, die ich meiner „Karriere Werkstatt“ zugrunde lege. Ich glaube an „Flow“ und daran, dass Stärken Fähigkeiten und Eigenschaften sein sollten, in denen man nicht nur gut ist, sondern auch selbst Freude dran hat. Job-Rotation, die eigene Bestimmung von neuen Lernfeldern und agile Organisationsformen in Unternehmen basieren für mich auch auf diesem positiveren Menschenbild.

In der Realität allerdings begegne ich dieser Tage eher Unternehmen, die ein anderes Bild vom Mitarbeiter zu zeichnen scheinen. Werte wie Leistungsorientierung und Verantwortung werden da genannt, weniger höre ich Werte wie Selbstverwirklichung und Fehlertoleranz. Ich treffe auf Führungskräfte, die Goleman’s Führungsstil „General“ zu entsprechen scheinen. Andere sind Pace-Setter, die nach dem Motto „Mach es so wie ich, aber schnell“ handeln. Beide Führungsstile führen häufig zu einem schlechten Betriebsklima. Denn die Mitarbeiter sind schon auf einer unbewussten Reise zu einem weiter entwickelten Menschenbild und entsprechenden Führungsstilen.

In den Köpfen der Führungskräfte ist ein solcher Werte- und Führungswandel nicht so einfach zu vollziehen. Denn alle haben jahrelang gelernt, wie das System funktioniert. Wie man zum Beispiel in ihm Karriere macht. Einstellungen und Verhalten zu ändern fällt insbesondere dann schwer, wenn alte Prozesse und Kontrollsysteme nicht neu ausgerichtet werden – z.B. Budgetprozesse, Beurteilungskriterien, Beförderungsrichtlinien usw.

Wie die Kinder und vor allem Eltern der Aktiven Schule lade ich euch deshalb – egal ob ihr Führungskraft oder Mitarbeiter seid – ein, über möglicherweise veraltete Glaubensmuster und Erwartungen nachzudenken. Fragt euch: Ist das wirklich so? Passt das noch in die heutige Zeit? Was wäre, wenn das nicht mehr so wäre…? Erst wenn wir uns diesen und ähnlichen Fragen stellen, kann Change gelingen. Change Management und der eigene Beitrag dazu war übrigens das eigentliche Thema, das durch die Diskussion mit der Schulgründerin befruchtet werden sollte. Die Aktive Schule Köln war ein sehr anregendes Beispiel für Perspektivwechsel, Umdenken und Neues (mit)gestalten.

#menschenbild #führungsverständnis #führungsstil #changemanagement

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Ina Röntgen ist Trainerin und Coach in Köln. Auf Gut Schillingsrott leitet sie Seminare zur Persönlichkeitsentwicklung. Ihre Kernthemen sind berufliche Neuorientierung, Menschenkenntnis & Selbstwahrnehmung, Stressmanagement und (Lebens)Ziele. Als ehemalige Führungskraft der Deutschen Telekom und Unternehmensberaterin bei Roland Berger berät und coacht sie Firmen in Themen wie Leadership Basics oder Verhandlungsführung.