der röntgenBLICK #2

Mit Walt Disney einmal um die Welt

Ängste austricksen

 

Standet ihr schon einmal vor einer schwerwiegenden Entscheidung wie zum Beispiel der, ob ihr euren Job aufgebt und eine mehrmonatige Weltreise macht? Oder solltet ihr jemanden dazu einmal einen Rat geben? Vielleicht habt ihr spontan gesagt, ja klar, machen! Fahr, bereise die Welt! So jedenfalls war meine Reaktion auf die Pläne meiner ehemaligen Kollegen, die im Rahmen eines attraktiven Abfindungsprogramms die Deutsche Telekom verließen und ihre Lebensträume erfüllten. Ich bewunderte und beneidete sie.

Rund 3 Jahre später stand ich jedoch plötzlich selbst vor einer solch großen Entscheidung: die Telekom verlassen und reisen oder zumindest etwas ganz anderes beruflich wagen? Die Reaktionen meines Umfelds auf meine Ideen waren zuerst wie meine eigene oben. Aber recht schnell hörte ich auch Sätze wie „Bist Du mutig, alleine zu reisen!“ oder „Den sicheren Job bei der Telekom aufgeben…?“. Und so rollte bei mir der innere Dialog zwischen „Engelchen“ und „Teufelchen“ an. Diese Endlosschleife aus Argumenten, die losgetreten wird, wenn wir uns entscheiden müssen. Mal ist der innere Kritiker lauter, mal der der wohlwollende innere Mentor. Als wenn man auf einer Wippe säße, ist die Entscheidung manchmal klar, dann wieder nicht. Das Angehen des Wunsches oder Ziels weit entfernt oder zum Greifen nah.

In alter Strategieberater-Manier habe ich früher in solchen Fällen eine Pro- und Contra-Liste erstellt. Häufig kam mir dabei das Ergebnis wie eine gefälschte Statistik vor. Die insgeheim präferierte Seite hatte ich künstlich aufgebläht durch 1-2 weitere Argumente. Oder ich führte neben der Aufzählung – ganz spitzfindig – noch eine Gewichtung der Argumente ein, so dass die Anzahl der Argumente nicht allein entscheidend war. Das Problem war dabei, dass mein „Teufelchen“ i.d.R. viel lauter als mein „Engelchen“ war. Denn hier spricht meine Angst mit, die sich – mal zurecht, mal zu Unrecht – in scheinbar sachliche Argumente einschleicht. Risikoscheu wie ich als perfektionistisch veranlagter Mensch bin, ist dies nicht ungewöhnlich, aber eben auch nicht immer hilfreich. Träume und Wünsche bleiben dabei auf der Strecke und damit Lebensfreude.

Ganz anders ergeht es da meiner Freundin Frieda, die natürlich nicht Frieda heißt, aber nennen wir sie einmal so. Sie lässt sich schnell von Neuem begeistern und begeistert selbst schnell. Sie sprudelt vor Ideen und erzählt voller Motivation und Inspiration von ihren Plänen. Frieda hört jedoch manchmal nur ihr „Engelchen“ und bittet mich dann schon mal um Rat, damit auch das „Teufelchen“ Gehör findet. Das „Teufelchen“ zeigt ihr dann z.B. neue Risiken auf oder sieht zusätzliche, essentielle Schritte auf dem Weg zum Ziel.

Frieda ist der Walt Disney von uns beiden. Das heißt der Mensch mit einer fast unerschütterlichen Vision, die er mit Elan und Zuversicht gedanklich ausschmückt. Sie sieht dabei die Zukunft vor ihrem inneren Auge und fühlt womöglich, wie es ist, wenn sie ihr Ziel erreicht hat. Auch der Zeichentrickfilm-Pionier Disney hatte ganz konkrete Pläne und schrieb sie auf. Erst im 2. Schritt – und das ist entscheidend! – ging er auf Menschen zu, die mit einem kritischeren Auge Überlegungen aufwarfen, die seine Vision alltagstauglich und umsetzbar machten. Weil er nicht nur eine grobe Vision hatte, wurde die Idee nicht als unausgegoren und Träumerei abgetan, sondern verfeinert und adjustiert, bis selbst die zunächst kritisch eingestellte Bank überzeugt war und ihm eine Finanzierung gab.

Wenn es um unsere Entscheidungen und Träume geht, gehen wir meistens nicht so vor. Zu früh redet uns das „Teufelchen“ rein – sei es das eigene oder ein Dritter, der in die Rolle des Advocatus Diaboli schlüpft. Wir lassen den „Träumer“ in uns nicht ausreden. Genau dies aber beinhaltet die Walt-Disney-Methode, die gerne auch als Kreativitätstechnik z.B. im Innovationsmanagement angewandt wird. Der „Träumer“ beschreibt den Idealzustand, er darf Risiken ausblenden und Grenzen ignorieren. Er kümmert sich nicht darum, ob seine Ideen umsetzbar sind. Für mich und meine Sehnsucht, die Welt zu bereisen, hieß das konkret meine Reiseziele auf ein Blatt Papier zu schreiben. Was wollte ich immer schon einmal sehen? (Australien und Japan!) Was wollte ich einmal erleben? (Mit Delfinen schwimmen!) Was möchte ich mir einmal gönnen? (Einen Besuch der Galapagos-Inseln)?

Erst in einem 2. Schritt wird die Rolle des „Realisten“ eingenommen. Wenn ihr es einmal ausprobieren möchtet, setzt euch hierfür mit einem frischen Blatt Papier bewusst auf einen anderen Platz, vielleicht geht ihr gar in einen anderen Raum. Manchen hilft es den Rollenwechsel zu unterstützen, indem sie sich einmal schütteln oder im Kreis drehen, was auch immer es ist, um den „Träumer“ ganz hinter sich zu lassen und die neue Rolle einzunehmen. Jetzt überlegst du, was von meinen Wünschen ist realisierbar? Welche Schritte sind dafür notwendig? Wessen Hilfe benötige ich dafür? Ich fing entsprechend an, Flüge zu recherchieren, die Gesamtkosten zu schätzen, eine Untervermietung meiner Wohnung vorzubereiten.

Hätte ich die Methode damals schon gekannt und richtig angewandt wäre ich erst im 3. Schritt in die 3. Rolle geschlüpft: in die des Kritikers. Dort hätte ich mir – wieder mit einem neuen Blatt Papier, an einem anderen Platz – die Fragen nach den Chancen und Risiken gestellt. Ich hätte Einwände und Bedenken Dritter antizipiert und notiert, worauf ich insbesondere bei diesem Weltreise-Vorhaben achten muss. Meine Ängste hätten hier Fragen stellen dürfen. De facto lief das bei mir alles nebenher und parallel. Dazu brauchte ich nur meine Eltern zu fragen, die neben Zuspruch auch ihre Sorgen mit mir teilten. Zum Glück waren der „Träumer“ und „Realist“ in mir sehr stark. Und meine Ängste nicht so groß, dass es dieses temporären (Aus)Tricks(ens) bedurft hätte. Das sollte erst später in meinem Leben kommen… als ich vor der großen Entscheidung stand, mich selbständig zu machen…

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Ina Röntgen ist Trainerin und Coach in Köln. Auf Gut Schillingsrott leitet sie Seminare zur Persönlichkeitsentwicklung. Ihre Kernthemen sind Stress-Resilienz, Lebensziele & -träume, berufliche Neuorientierung und Ziele erreichen mit ZRM®. Als ehemalige Führungskraft der Deutschen Telekom und Unternehmensberaterin bei Roland Berger hält sie Firmenseminare und Impulsvorträge wie z.B. „The SELF-EXPERT – die Kunst, sich selbst zu führen“ oder „Motiviert von Kopf bis Bauch – die Kunst, sich selbst zu motivieren“.