der röntgen BLICK #8

Kleine Charakter-Kunde

So hilft dir Schubladen-Denken

 

Schon lange streben wir Menschen danach, einander zu typologisieren. Das heißt – salopp ausgedrückt – Menschen in „Schubladen“ zu stecken, um sie besser zu verstehen oder ihnen adäquater zu begegnen. Da gibt es zum Beispiel die Sternzeichen, die den Charakter beschreiben, oder die 3 Doshas im Ayurveda (Vatta, Pitta, Kapha), die etwas über meine Konstitution und passende Heilmethoden aussagen. Im Internet sehe ich Online-Tests, die der Frage auf den Grund gehen, welcher Typ Führungskraft ich bin und ob ich einen guten Verhandler abgebe. Und Unternehmen arbeiten vielfach mit Diagnoseinstrumenten wie dem Typen-Indikator Myers-Briggs, der Menschen z.B. zu „ISTP“ (= The Mechanic) oder „ENTJ“ („The Executive) macht. Vor rund 20 Jahren, als ich den Myers-Briggs machte, wurde ich als „Caregiver“ eingestuft. Warum ich damit kurze Zeit später bei einer Unternehmensberatung als 1. Arbeitsstelle gelandet bin und nicht gleich in meinem heutigen Beruf, darf man an dieser Stelle sicherlich einmal fragen…

Aber zurück zu den Typologisierungsmodellen. Ich mag sie immer noch – vermutlich, weil ich so neugierig darauf bin, mich weiter selber kennenzulernen. Man lernt ja nie aus. Und dennoch gibt es auch berechtigte Kritik an ihnen. Denn nie ist man nur ein Typ, wir sind alle immer ein Mischmasch. Aber: die Modelle helfen mir – so sie fundiert konzipiert sind – zu verstehen, wie ich im Vergleich zu anderen Menschen ticke. Sie schärfen meine Sinne darauf zu achten, was für ein Typ Mensch mein Gegenüber ist. Ich sehe Unterschiede und Gemeinsamkeiten. Und kann diese Erkenntnisse als wichtiges Kapitel auf mein Konto „Emotionale Intelligenz“ einzahlen. Jene Intelligenz, die nichts mit klugen Zahlenanalysen oder raffinierten Marktstrategien zu tun hat, sondern mit der Fähigkeit, eigene und fremde Gefühle wahrzunehmen, zu verstehen und zu beeinflussen.

In meiner Trainings- und Coachingpraxis bediene ich mich verschiedener Instrumente, um meinen Kunden zu helfen, sich selbst besser einzuordnen und zu verstehen. Hier 3 Geschichten aus dem Nähkästchen zur Veranschaulichung:

#1 „Überzeuger“ trifft auf „Denker“

Stellt euch vor, ihr seid so ein Typ „Überzeuger“, einem von 6 Typen des sog. Holland-Codes. Das heißt, ihr seid in eurem Element, wenn ihr Menschen beeinflussen könnt. Ihr wollt etwas leisten und seid sehr dynamisch. Am liebsten leitet ihr andere an. In meinem Fall war dieser Überzeuger der (potentielle) Autoverkäufer meines Vaters. Mit lautem Getöse preist er seinen Neuwagen, wagemutig verspricht er einen sehr hohen Ankaufspreis für den Altwagen. Er pokert und redet und jammert beim Verhandeln lautstark, er würde ja gar nichts mehr an dem Deal verdienen. Sein Gegenüber, mein Vater: Typ „Denker“. Er beobachtet gern, liebt es zu analysieren und ist sehr vorsichtig. Übertreibungen liegen ihm fern, er ist sachlich und ruhig. Leider hatte der Autohändler dies übersehen. Schon nach dem 2. Gespräch stand für meinen Vater fest: bei dem kaufe ich kein neues Auto. Er fühlte sich über den Tisch gezogen. Wäre ich nicht eingesprungen und hätte moderiert zwischen Überzeuger und Denker, wäre der Kauf nicht zustande gekommen. Was hätte der Verkäufer besser machen können? Auf seiner Seite: sich zurücknehmen, weniger reden. Zu meinem Vater gerichtet: verlässliche Aussagen tätigen, faktenorientiert argumentieren. Um das zu erkennen bedarf es aber einer Prise mehr Selbstwahrnehmung und Kenntnisse um die „Schubladen“, als der Verkäufer es mitbrachte.

#2 Die Irrtümer des „Perfektionisten“

Ich habe ja schon gestanden, dass ich von meinen inneren Antreibern her der Typ „Perfektionist“ bin. Nun stellt euch mich mal als Führungskraft vor, die auf einen Mitarbeiter trifft, der notorisch zu spät kommt. Im Gegensatz zu mir, die stets überall eher 5 min zu früh als „nur“ pünktlich kommt. Vor allem, wenn es um den Chef geht. Da sind es dann auch gerne schon mal 10 min statt 5 zu früh. Kurzum, das Zuspätkommen des Mitarbeiters hat mich zur Weißglut gebracht. Er lernte es einfach nicht und ein ums andere Mal saß ich (im Durschnitt 8 min lang) wartend auf ihn im Meetingraum. Die Laune war dahin, bevor er diesen – stets gut gelaunt – überhaupt betrat. Jetzt kann man lange diskutieren, ob Pünktlichkeit nicht eine gute und richtige Tugend ist, Fakt ist, ICH lernte es nicht. Nicht nur, dass ich ja auch einfach hätte später kommen und die Zeit vorher anders nutzen können, nein, ich beging auch noch den Fehler zu denken, mein Mitarbeiter zolle mir mit seinem Verhalten nicht genügend Respekt. Ich fühlte mich als Chefin nicht ernst genommen. Und dass in einem Maße, von dem ich heute weiß, dass es übertrieben war. Hätte ich verstanden, welcher innerer Antreiber meine eigene Wahrnehmung prägte, hätte ich die Situation sicherlich anders eingeschätzt.

#3 Verträgt sich „Grün“ mit „Rot“?

Letztens war ich mit meinen Mädels in der Kölner Südstadt essen. Auf einmal diskutierte das andere Tischende wild „ich bin rot“, „na du bist doch auch rot“ und „nein, du bist bestimmt blau“. Was war los? Sie erzählten de facto begeistert von den Ergebnissen des DISG-Tests. Dieser unterteilt die Menschen in vier Typen: dominant, initiativ, stetig, gewissenhaft. Der Dominante ist der Rote. Donald Trump ist so ein Beispiel. Der Rote gilt als egozentrisch, direkt, kühn, herrisch, anspruchsvoll, energisch. Passt das nicht herrlich auf Trump? Der Grüne dagegen ist eher passiv, geduldig, loyal, voraussagbar, teamfähig und gelassen. Der Dalai Lama zum Beispiel. Was Trump und den Dalai Lama unterscheidet macht das DISG-Modell an 2 Achsen fest: auf der einen stehen sich Menschenorientierung und Aufgabenfokussierung gegenüber, auf der anderen Achse stehen kontaktfreudig & schnell reserviert & langsam gegenüber. Trump ist aufgabenfokussiert und kontaktfreudig, der Dalai Lama menschenorientiert und reserviert.

 

WAS TUN mit dem „Schubladen-Wissen“?

Nun stellt euch vor, ihr kennt eure Schublade(n). Also die, in denen ihr so haust. Und ihr wisst auch, dass andere anders ticken. Was macht ihr nun damit? Fragt euch doch einmal, was das für euch als Vertriebler oder Einkäufer bedeutet. Was als Führungskraft oder Kollege? Und nicht zuletzt was als Partner und Freund?

Würdet ihr besser verstehen, wie ihr tickt, würdet ihr Unterschiede zwischen eurem Selbst- und eurem Fremdbild aufdecken. Und das wiederum macht euch erfolgreicher, selbstsicherer und beliebter. Wann wirst du zum röntgenschen „Self-Expert“?

#selfexpert #charakertypen #emotionaleintelligenz

 

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Ina Röntgen ist Trainerin und Coach in Köln. Auf Gut Schillingsrott leitet sie Seminare zur Persönlichkeitsentwicklung. Ihre Kernthemen sind Stress-Resilienz, Lebensziele & -träume, berufliche Neuorientierung und Ziele erreichen mit ZRM®. Als ehemalige Führungskraft der Deutschen Telekom und Unternehmensberaterin bei Roland Berger hält sie Firmenseminare und Impulsvorträge wie z.B. „The SELF-EXPERT – die Kunst, sich selbst zu führen“ oder „Motiviert von Kopf bis Bauch – die Kunst, sich selbst zu motivieren“.