RÖNTGEN.BLICK
Ich habe lange mit Zaunpfählen gewunken, damit mein Chef mich verstand und meinem Widerstand nachgab. Er musste das doch sehen! Er tat es nicht.
Das Einzige, was er merkte, war, dass ich unmotivierter und ungehaltener wurde. Ich war auf der Sachebene vage geblieben und auf der Beziehungsebene leidiger. Dass das bei der Besetzung der neuen Stelle in meinem Team nicht zum gewünschten Ergebnis führen würde, lag auf der Hand.
Aber warum war ich so schwammig und agierte so indirekt? Ich, die sonst kein Blatt vor den Mund nahm und die man vermutlich eher als zu pushy als zu soft bezeichnet hat.
Der Grund war ganz einfach: Ich war mir meiner Sache nicht sicher.
Inhaltliche Unsicherheit ist aber nur ein möglicher Grund, warum uns das Widersprechen „nach oben“ schwer fällt. Vielleicht noch der Einfachste. In meinen Coachings habe ich drei weitere Hürden immer wieder beobachten können:
HERAUSFODERUNG #1 – der Hierarchie Gap
Wenn der Kuchen spricht, haben die Krümel Pause. Dieser (doofe) Spruch erinnert mich immer an die alte Sparkassen-Werbung De facto habe ich oft das Gegenteil erlebt: meine Vorgesetzte freuten sich über ein Challengen ihrer Ideen und eifrige Diskussionen. Sie hatten Lust auf gute Gespräche und wollten das Richtige tun.
Was Vorgesetzte nicht mögen, weil unser aller Ego irgendwann ins Spiel kommt, ist das Gefühl, dass man keinen Respekt vor ihnen und ihrer Rolle hat.
Fair enough. Aber wie kann ich das verhindern?
- Widersprich im kleinen Kreis – nicht im großen Meeting, sondern hinterher im 1:1
- Frame deinen Widerspruch als Sorge über ein bestehendes Risiko oder als Bedürfnis, das dir wichtig ist (auch wenn es Bedürfnissen der Organisation oder deines Chefs entgegensteht)
- Erwähne, dass dir bewusst ist, dass die Entscheidung am Ende natürlich bei deinem Chef liegt – damit erkennst du seinen/ihren höheren Status an
Ich habe meine Stellenbesetzung letztlich mit meinem Chef im 1:1 geklärt – ohne die andren Führungskräfte meiner Ebene, die einen anderen Kandidaten präferierten. Der Kipppunkt war dabei außergewöhnlich: meine Stimme wurde brüchig, ich vergoss drei Tränen. Das war mir noch nie passiert. Und das wusste mein Vorgesetzter. Was er mitnahm, war, dass es mir wirklich wichtig war, meine Wahl durchzusetzen. Danach haben di anderen Führungskräfte mich nicht weiter bedrängt und über die Tränen haben wir nie wieder ein Wort verloren.
In welchen Situationen hattest du schon mal das Gefühl „das steht mir nicht zu“ und wie bist du damit umgegangen?
Die meisten Menschen gehen bei diesem Gefühl in den Rückzug. Wenn wir nicht aufpassen, führt das in die Resignation. „Hättest du doch mit mir gesprochen“, sagt dann vielleicht dein Chef, wenn du irgendwann frustriert kündigst.
HERAUSFODERUNG #2 – die Reaktion des Chefs
Mein Chef damals war ein rationaler, gelassener Mann, zu dem ich einen wirklich guten Draht hatte. Aber das ist ja nicht immer so. Viele Coachees sind bei mir, weil sie befürchten, dass sie ihren Chef verärgern und er oder sie unwirsch wird. Entweder weil sie dieses Verhalten schon oft beobachten konnten oder weil man ja nie ausschließen kann, dass man jemanden auf dem falschen Fuß erwischt. Was wir an der Stelle brauchen sind 2 Sachen: ein stabiles Selbstwertgefühl und die Fähigkeit, Emotionen co-zu-regulieren. Was meine ich damit?
Stabiles Selbstwertgefühl: wenn ein Mensch uns gegenüber ungehalten reagiert (laut/zynisch/missbilligend…), meldet der manchmal vorwitzig-schnelle Teil unseres Gehirns mit dem komplizierten Namen Amygdala Alarm. Bei den einen früher und häufiger, bei anderen später und seltener. Das ist schlecht, denn in dem Zuge wird der rationale Teil des Gehirn, der präfrontale Cortex, runtergefahren. Im Ergebnis fühlen wir eine übergroße Gefahr und können rational nicht erkennen, dass das ein Fehlalarm ist. Oder vereinfacht gesagt: unser Selbstwertgefühl erlebt ein Erdbeben und rutscht in den Keller. So wie das Herz in die Hose.
Co-Regulation von Emotionen: diesen Coach-Sprech könnte man übersetzen mit Nerven des anderen beruhigen. Dazu kannst du nämlich durchaus beitragen – wenn du nicht gerade mit deinem eigenen Erdbeben beschäftigt bist…
Was kannst du nun konkret tun?
- PERSPEKTIVWECHSEL – Überlege dir im Vorhinein, wie dein Vorgesetzter reagieren könnte. Frage dich, welche Ziele/Bedürfnisse hat er/sie? Vor welche Herausforderung stellt ihn/sie dein Widerspruch? Gibt es eine Lösung oder einen Mittelweg, den du vorschlagen könntest? Welche Bedenken wird er/sie vermutlich bringen und wie könntest du darauf antworten? Mit anderen Worten: stelle dich in die Schuhe deines Vorgesetzten, antizipiere, was kommen wird. So hilfst du nicht nur deinen Widerspruch geschickt zu formulieren, sondern auch dein Nervenkostüm auf etwaige Gegenwehr vorzubereiten.
- GESPRÄCHSFÜHRUNG – Falls das Gespräch unruhiger wird, versuche rauszuhören, worum es deinem Chef geht. Was hat er/sie gesag? Wiederhole die Worte, um zu zeigen, dass du seine/ihre Perspektive aufgenommen und verstanden hast („Ich verstehe, du sagst…“ oder „ich sehe, dir ist wichtig, dass…“). Verlagere die Diskussion weg von „wer ist schuld“ oder „wer hat recht“ hin zu „wie können wir die unterschiedlichen Ansichten bestmöglich unter einen Hut bekommen“. Und nimm Tempo raus – das mögen beide Nervensysteme, deines und das deines Chefs.
- SELBSTREGULATION – Falls das Gespräch ganz gut läuft, aber du dennoch „weiche Knie“ bekommst (= Selbstwert-Erdbeben), versuche tief durchzuatmen, nimm eine gerade Körperhaltung ein und lächle unauffällig innerlich. Durch diese kleinen Embodiment-Tricks signalisierst du deinem Nervenstystem „alles ist gut“.
Meine emotionale Selbstregulation hat in meinem Beispiel nicht wirklich geklappt. Weinen ist nicht mein präferiertes Stilmittel in konfliktären Situationen. Aber: wenn es selten vorkommt und authentisch ist, hat es eine sehr starke Wirkung.
Wie häufig hat ein Widerspruch – von dir oder jemand anderem aus dem Team – schon mal nachhaltig negative persönliche Konsequenzen gehabt?
Wir Menschen neigen dazu, aus Mücken Elefanten zu machen, also Risiken zu überschätzen. Die negativen Konsequenzen, die wir befürchten, treten oft nicht ein. Wenn ist es eher wie ein Sturm oder Gewitter, die vorbeiziehen.
HERAUSFORDERUNG #3 – fehlende Sprache für den Widerspruch
Viele trauen sich – mit der Resilienz der Sturmerprobten – in ein kritisches Gespräch zu gehen. Manch einer von ihnen hat aber die Sorge, sich „um Kopf und Kragen“ zu reden. Will sagen, die Botschaft nicht geschickt genug anzubringen.
Neben guten Sachargumente für den Widerspruch geht es bei der Gesprächsführung auch um Kommunikationspsychologie. Gerade wenn in einem größeren Meeting diskutiert wird (Achtung Ego-Alarm beim Chef), sind folgende Formulierungen hilfreich:
- „Darf ich eine andere Perspektive einbringen?“ (Erlaubnis abholen)
- „Welche Risiken sehen wir dabei?“ (wir statt du vs. ich)
- „Ich komme aus Marketing-Sicht zu einer anderen Einschätzung.“ (Betonung des Blickwinkels)
Welche Muster des Gelingens (und des Nicht-Gelingens) hast du schon beobachten können, wenn es darum ging, dem Vorgesetzten zu widersprechen?
Ich habe während meiner Karriere schon viele Machtgefälle gesehen, die Gespräche schwierig machten. Nicht immer sieht man sie auf dem Organigramm. Es ist nicht nur der Mensch, der in dem Kästchen über deinem steht.
Es kann auch ein Gefälle zwischen Berufsgruppen wie Ärzten und Verwaltungsangestellten einer Uniklinik sein. Es kann der schnell reizbare Kollege in deinem Leadership Team sein, der seit Jahren vom Vorstand gedeckt wird. Oder die umsatzstärkste Viertrieblerin, die das Unternehmen dringend braucht, die aber intern überall aneckt.
All diese Aspekte und Dynamiken – äußerlich und innerlich – betrachte ich in meinen Coachings, um Menschen im Business dabei zu helfen, klar und respektvoll miteinander zu reden.
#Röntgenblick #VorgesetztenWidersprechen
(c) Ina Konrad-Röntgen ist Beraterin & Coach für wirksame Kommunikation und Zusammenarbeit unter Druck.
Ihre Kolumne „Die Gespräche“ entstand aus dem Wunsch heraus, in einer von Social Media geprägten Zeit wieder Raum für mehr Tiefgang zu schaffen.
Im Mittelpunkt stehen Gespräche, die
- Teams vermeiden
- mit Vorgesetzten schwerfallen
- wir mit uns selbst führen sollten
Viel Spaß beim Lesen!