der röntgenBLICK #1

Gewissenhaft ist gut genug

Innere Glaubenssätze umformulieren

 

Jeder Mensch wird von inneren Antreibern und Glaubenssätzen in seiner Wahrnehmung und seinem Handeln beeinflusst. Viele davon sind uns nicht bewusst. Vielleicht können wir sie erahnen, aber so richtig sehen können wir sie häufig nicht, unsere blinden Flecken. Insbesondere dann nicht, wenn der Autopilot uns durch den Alltag steuert und für eine Innenschau Impulse und Zeit fehlen. Ich selbst hatte vor 3 Jahren das Glück, eine sechsmonatige Reise um die Welt machen zu können. Ganz alleine. Es sollte kein „Selbstfindungstrip“ werden. Es ging mir gut, ich wollte kein Schicksal verarbeiten oder vor etwas flüchten. Und doch wurde es eine Reise zu mir selbst. Warum? Weil sich das gar nicht vermeiden lässt bei so einem Trip und ich bin sehr dankbar dafür. Reist du alleine durch die Welt triffst du auf unendlich viele fremde Menschen. Sie alle kennen dich nicht, deine persönliche Entwicklung, deine Rolle im Freundes- und Familienkreis, deinen beruflichen Weg. Sie lernen dich im Hier und Jetzt kennen. Mir gab das das Gefühl, ganz ich selbst sein zu dürfen. Ich musste nicht etwas gerecht werden, was andere von mir erwarteten oder was ich dachte, was man von mir erwartete. Und dies war unheimlich erholsam für mich. Denn einer meiner stärksten inneren Antreiber ist der Perfektionismus. Das klingt erst mal gar nicht so falsch, kann aber sehr viel Energie kosten. Das perfekt-sein-Wollen ist mein Weg, Anerkennung zu bekommen. „Du musst perfekt sein, um geliebt zu werden“ flüstert mir meine innere Stimme unablässig aber unerkannt zu. Nach Anerkennung streben wir alle und ein jeder findet dafür seinen Weg.

Ein Blick zurück: in meiner Zeit bei der Deutschen Telekom hatte ich einen tollen Chef, mit dem ich ausgesprochen gern zusammengearbeitete. An einem Tag gingen wir in Vorbereitung eines Treffens mit einem Lieferanten das Briefing eines Kollegen durch. Gut strukturiert war dort alles notiert, was für das Meeting wichtig war. Der Autor hatte aber bei einer Aufzählung einen Spiegelstrich weiter rechts eingerückt als die Spiegelstriche da drüber und da drunter. Mein Auge störte diese kleine Unsauberkeit, mein Chef aber sagte nichts. Während er später dem Redner im Meeting lauschte, malte er jedoch gedankenverloren eine senkrechte Linie entlang der Spiegelstriche. Der aus der Reihe tanzende Strich wurde damit umso mehr hervorgehoben. Ich lächelte innerlich, weil wir in dem Punkt so ähnlich waren und klar wurde, warum wir so harmonierten: Wir waren beide Perfektionisten. Diese Eigenschaft hat mir in meiner Karriere sehr geholfen. Ich galt als sehr zuverlässig und genau. Dafür war ich aber auch diejenige, die abends eher länger als kürzer im Büro saß. Mich ärgerte es halb unbewusst halb schon bewusst, dass einer meiner Kollegen stets sehr pünktlich ging. Es war der gleiche Kollege, der Briefings an sich für halbwegs überflüssig hielt. Er hätte das Wichtigste vermutlich lieber zwischen Tür und Angel dem Chef kurz zugeflüstert. Warum aber störte mich das? Weil ich damals schon spürte, aber noch nicht verstand, dass ich auch gern ein bisschen weniger perfektionistisch und entspannter gewesen wäre. Häufig, wenn andere etwas in uns auslösen, weist dies auf unsere geheimen Wünsche hin. Wünsche, die wir uns nicht zugestehen oder erlauben wollen. Nach C.G. Jung sind dies unsere „Schattenanteile“.

Während meiner Coaching-Ausbildung bekam ich dies dann schwarz auf weiß aufgezeigt: der Perfektionismus war einer von 2 sehr starken Antreibern. Irgendwie hat mich das Wissen darum erleichtert. Erkenntnis ist immer der erste Schritt zur Veränderung, sagte man, und dies erklärt auch das befreiende Gefühl. Ich wurde eingeladen, mir zu überlegen, in welchem Maß ich meinen inneren Antreiber für mich weiter ausfüllen wollte. Er hatte ja nicht nur Schlechtes, sondern auch Gutes für mich gebracht. Diese Frage erschien mir nicht leicht zu beantworten. Für so etwas gibt es keine feste Regel und doch brauchte ich etwas, das mir half, nicht immer wieder in meine alten Muster zu verfallen. Ein Artikel in „Psychologie heute“ hat mir dann genau das geliefert, was mir fehlte. Die Regel, die keine war. Eher ein Motto: Gewissenhaft ist gut genug. So habe ich es für mich zusammengefasst. Der schweizer Forscher Bonelli erklärt in dem Artikel, dass es für Perfektionisten äußerst schwierig ist, die Lücke zwischen dem angestrebten Soll-Zustand (Erwartung) und dem erreichten Ist-Zustand (Realität) auszuhalten. In mir jubelt es beim Lesen dieser Beschreibung – genauso ist es, denke ich. Weiter führt er aus, dass die Gewissenhaften ebenfalls ihr Bestes geben, aber wissend, dass sie eben dies gegeben haben, den Ist-Zustand aushalten können. Das saß! Ich musste also nicht schludrig und unzuverlässig werden, um meinen Perfektionismus zu zähmen. Ich durfte weiterhin mein Bestes geben. Mit dieser Erkenntnis fühlte ich, dass auch ich die Soll-Ist-Lücke besser ertragen kann. Und das setzt sehr viel Kraft und Energie frei. Nun übe ich, um meinen neuen Glaubenssatz „Gewissenhaft ist gut genug“ in mein tägliches Handeln einfließen zu lassen. Ich ertappe mich, wie ich fast wieder etwas zu 120% machen will und entscheide mich bewusst dafür, 80-20 zu denken. Das macht mich ein wenig stolz, weiß ich doch, dass ich auf einem guten Weg bin. Auf dem Weg, das befreite Gefühl meiner Weltreise immer häufiger in meinem heimischen Alltag zu spüren.

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Ina Röntgen ist Trainerin und Coach in Köln. Auf Gut Schillingsrott leitet sie Seminare zur Persönlichkeitsentwicklung. Ihre Kernthemen sind Stress-Resilienz, Lebensziele & -träume, berufliche Neuorientierung und Ziele erreichen mit ZRM®. Als ehemalige Führungskraft der Deutschen Telekom und Unternehmensberaterin bei Roland Berger hält sie Firmenseminare und Impulsvorträge wie z.B. „The SELF-EXPERT – die Kunst, sich selbst zu führen“ oder „Motiviert von Kopf bis Bauch – die Kunst, sich selbst zu motivieren“.